NEUE ZÜRCHER ZEITUNG, 6. Mai 2000

«Beatocello» in Kambodscha - ein Einsatz mit Breitenwirkung

Unermüdlicher Einsatz gegen Krankheiten und Kindersterblichkeit

 

Der Zürcher Kinderarzt Beat «Beatocello» Richner hat Anfang April in Siem Reap in seiner dritten - dezentralen - Klinik in Kambodscha eine neue Chirurgieabteilung einweihen können. Mittlerweile sind 70 Prozent der Kambodschaner als kleine Patienten oder Angehörige von solchen mit Richners Kliniken in direkten Kontakt gekommen. Die positive Breitenwirkung des Projektes stösst aber weiterhin nicht überall auf Anklang.

 
mo. Siem Reap, Anfang April
 
In Anwesenheit von Ministerpräsident Hun Sen ist Anfang April eine neue Chirurgieabteilung am Kinderspital Jayavarman VII., in der dezentral gelegenen nordkambodschanischen Stadt Siem Reap, eingeweiht worden. Das
Spital ist die vor Jahresfrist eröffnete dritte der Pädiatriekliniken, die der Zürcher Kinderarzt Beat «Beatocello» Richner seit 1991 im zuvor jahrzehntelang durch Vietnamkrieg, Terror der Khmer-Rouge-Steinzeitkommunisten und Bürgerkrieg erschütterten Kambodscha aufzubauen und zu betreiben begonnen hat. Die neue Chirurgie-Abteilung umfasst neben zwei modern ausgerüsteten Operationssälen eine 50-Betten-Station und eine eigene Sauerstoffproduktion. Zu den seit der Eröffnung der Klinik gemachten Neuanschaffungen gehören weiter zwei normale Bettenstationen mit je 26 Liegen, ein Computertomograph, ein Verbrennnungsofen für medizinische Abfälle, eine eigene Trinkwasseraufbereitung sowie zwei Stromgeneratoren. Der Bau des gesamten Spitals hat damit rund 9 Millionen Franken gekostet; diese Summe konnte Richner, wie üblich bei seinen Projekten, vollständig durch grosszügige private Spenden aus der Schweiz decken.
 
Kostenlose Pflege - dringend notwendig
 
Im Unterschied zu Richners zwei in der Hauptstadt Phnom Penh gelegenen ersten Kliniken, Kantha Bopha I und II, die nach einer im Kindesalter an Leukämie gestorbenen Tochter von König Sihanouk benannt sind, trägt
diejenige in Siem Reap den Namen eines Khmer-Herrschers des 12. Jahrhunderts, der in seinem Reich 201 Spitäler hatte erbauen lassen. Wie in Richners hauptstädtischen Kliniken ist auch in der Jayavarman VII. die Behandlung für die kleinen Patienten und ihre Familien völlig unentgeltlich. Das ist wohl auch dringend nötig.
 
Zwar liegt Siem Reap unmittelbar neben den weltberühmten Ruinen von Angkor Wat, die seit einiger Zeit wieder Heerscharen von Touristen anziehen und damit auch einiges an ausländischen Devisen in die Stadt locken. So säumen
deren sonst ländlich-verschlafene Strassen mittlerweile auch schon einige luxuriöse Hotelneubauten. Doch eigentlich ist Siem Reap Zentrum einer bitterarmen Gegend, zu der auch die letzten Rückzugsgebiete der Guerillas der Khmer Rouge gehören, welche noch bis vor zwei Jahren den Regierungstruppen erbitterte Gefechte lieferten. Hier in Nordkambodscha
liegt das jährliche Pro- Kopf-Einkommen unter dem landesweiten Durchschnitt von 300 Dollar pro Jahr.
 
Obwohl die Nordkambodschaner über kein Geld für medizinische Versorgung verfügen, haben sie diese, wie die Bilanz der Klinik Jayavarman VII. beweist, dringend nötig: Seit der Eröffnung im April 1999 wurden hier 7000 schwerkranke Kinder hospitalisiert und über 60 000 ambulant behandelt. Täglich wurden mehrere hundert kleine Patienten geimpft, und zudem wurden hier weit über hunderttausend Kambodschanern, Kindern und Erwachsenen, die Grundzüge moderner Gesundheitserziehung beigebracht. Die zumeist auf Fahr-und Motorrädern antransportierten und häufig splitternackten oder nur mit alten Stoffetzen notdürftig bekleideten kleinen Patienten werden in der Regel von mehreren Familienangehörigen begleitet. Ist in der grossen, luftig-hellen Aufnahmehalle des Spitals das Prozedere der Aufteilung in Not-und weniger dringende Fälle einmal abgeschlossen, so klären medizinische Angestellte den ganzen Tag über immer wieder die in Kleingruppen zusammengefassten Wartenden über Körperhygiene, die Wichtigkeit des Abkochens von Trinkwasser und ähnliches mehr auf.
 
Das Jayavarman-Spital geht ursprünglich auf Kambodschas König Sihanouk zurück, der Richner immer wieder dazu gedrängt hat, in Siem Reap eine dritte Klinik zu eröffnen. Ein verständlicher Wunsch, waren in Nordkambodscha lebende Eltern kranker Kinder doch zuvor gezwungen, mit diesen teilweise über dreihundert Kilometer weit nach Phnom Penh zu einem der beiden Kantha-Bopha-Spitäler zu fahren oder sie möglicherweise sterben zu lassen, denn eine Alternative zu Richners Kinderkliniken gab und gibt es bisher landesweit nicht.
 
Die Realisierung des Vorhabens ermöglicht hat Ministerpräsident Hun Sen, indem er anordnete, kostenlos ein ursprünglich für ein Strassenbauprojekt bestimmtes, ungefähr eine Hektare grosses Gelände zur Verfügung zu stellen. Der Ministerpräsident unterstrich bei der Einweihung des Chirurgietrakts in einer kurzen Ansprache seine Dankbarkeit für die Arbeit des Schweizer Arztes Richner und betonte, dieser könne bezüglich all seiner Projekte in Kambodscha fortan auf die volle Unterstützung durch ihn selbst, aber auch durch alle anderen Regierungsstellen des Landes zählen. Diesen Umständen und Worten messen Richner und auch die leitenden kambodschanischen Angestellten der Jayavarman VII. grosse Bedeutung zu.
 
Der Grund dafür ist, dass Richners Projekte in den mittlerweile neun Jahren seines Wirkens bei kambodschanischen Regierungsstellen trotz allen anerkannten Verdiensten nicht immer unumstritten gewesen sind. Insbesondere von seiten des Gesundheitsministeriums, das laut seinen Worten dem Einfluss der Weltgesundheitsorganisation WHO und ausländischer Nichtregierungsorganisationen (NGO) ausgesetzt ist, sind dem Schweizer Arzt in der Vergangenheit immer wieder Hindernisse in den Weg gelegt worden. Denn die WHO und viele der NGOs bezichtigen Richner, in Kambodscha eine «Luxusmedizin» zu betreiben, und reden ihrerseits einer angeblich der im Land herrschenden Armut besser angepassten «Basis-» oder «Barfussarzt-Medizin» das Wort. Mit der Überzeugung des dem hippokratischen Eid verpflichteten Arztes antwortet Richner auf diesen Vorwurf seit Jahren mit dem gleichen Argument: sinnvoll und menschlich vertretbar sei lediglich eine einzige Medizin, eine gute, korrekte nämlich, gleichgültig in welchem Land und ob die Patienten nun arm oder reich seien.
 
Beeindruckende Erfolgsbilanz
 
Einiges an den Vorwürfen des «Luxus» widerlegt schon ein simpler Augenschein in Richners kambodschanischen Kliniken. So sind beispielsweise in der Jayavarman-Klinik, trotz dem in Siem Reap herrschenden tropischen Klima, nur Räume wie Operationssäle und das medizinische Labor, deren Funktionsweise dies unabdingbar machen, mit Klimaanlagen ausgestattet. Alle anderen Räume hingegen, von der Aufnahmehalle bis zu den Bettenpavillons, sind über die gute, den natürlichen Luftzug nicht behindernde Bauweise hinaus nur mit billigen Deckenventilatoren bestückt. Der Grund dafür ist laut Richner, dass die Kinderpatienten und ihre Angehörigen eben nicht an Lebensumstände gewöhnt werden sollen, die sie sich kaum je werden leisten können. Über einige zugegebenermassen teure, aber aus medizinischen Gründen notwendige Apparate hinaus ist aber das einzige, was Richners Kliniken mit luxuriösen westlichen Spitälern gemeinsam haben, dass sie im Unterschied zu den herkömmlichen kambodschanischen Krankenhäusern stets peinlich sauber gehalten werden.
 
Dass mittlerweile auch im Gesundheitsministerium in Phnom Penh ein Umdenken stattgefunden hat, ist aber wohl weniger auf solche Argumente denn auf die sehr unterschiedlichen Erfolgsbilanzen von Richner einerseits und der WHO und der ihr nahestehenden NGOs anderseits zurückzuführen. Nach neunjähriger Aufbauarbeit werden in Richners drei Kliniken nun jährlich 400 000 kranke Kinder untersucht und behandelt, davon müssen 30 000 schwerkranke kleine Patienten während durchschnittlich je fünfeinhalb Tagen stationär versorgt werden. Neben 3600 operativen Eingriffen werden auch hunderttausend Impfungen vorgenommen. Laut Richners Statistik müssten ohne seine Kliniken monatlich 2400 kambodschanische Kinder an Krankheiten und Unfallfolgen sterben. Mittlerweile sind zudem gut 70 Prozent der 10 Millionen zählenden kambodschanischen Gesamtbevölkerung als Patienten oder Begleiter von solchen mit Richners Kliniken in direkten Kontakt gekommen. Die Projekte haben damit als «gute Vorbilder» in mehrerlei Hinsicht eine enorme Breitenwirkung entwickelt. Zum einen weiss die Bevölkerungsmehrheit heute, wie gute Gesundheitsversorgung sein sollte. Zum anderen handelt es sich bei diesen Kliniken um die vielleicht einzige wirklich nichtkorrupte Institution des immer noch unter den Kriegsfolgen leidenden Landes. Bei Richner werden buchstäblich vom Ministersohn bis zum armen Bauernbaby alle gleich behandelt. Damit haben die Spitäler eine politische Dimension erlangt, wie auch Ministerpräsident Hun Sen zugibt, der sich der Korruptheit seines Apparates offenbar durchaus bewusst ist.
 
Anhaltender Streit mit der WHO
 
WHO und NGOs hingegen haben es offenbar in all den Jahren, in denen sie Richners Tatendrang mit Kritik und Beeinflussung von Regierungsstellen zu bremsen versuchten, trotz teilweise grossem finanziellem Aufwand nicht geschafft, in Kambodscha eine medizinische Akutversorgung oder wenigstens ein tragfähiges Präventiv- und Impfsystem auf die Beine zu stellen. Krasses negatives Beispiel ist eine mit japanischen Mitteln ebenfalls in Siem Reap erstellte Poliklinik, auf deren Bau gleich viele Mittel verwendet wurden wie für das Jayavarman-Spital, der aber dreimal solange dauerte; sie funktioniert heute so schlecht, dass Richners Klinik regelmässig um die Übernahme von Patienten gebeten werden muss.
 
Schlimmer noch, und dieses Thema bringt Richner beim Erzählen regelrecht in Rage, sollen WHO und zugewandte Orte in den letzten Jahren in Kambodscha unter anderem eine Tuberkulose- Epidemie nicht nur nicht verhindert, sondern durch falsche «billige» Impfungen und Behandlungen geradezu mitverursacht haben. Heute sind nach Richners Erhebungen in Nordkambodscha 70 Prozent, in Phnom Penh rund die Hälfte der Kinder und vermutlich auch ihrer erwachsenen Angehörigen mit Tuberkulose infiziert. Seine Kliniken bekämpfen diese mit einem wirksamen aber teuren Medikament aus Basel, während die WHO immer noch mit einem Mittel gegen die Krankheit vorzugehen versucht, das tatsächlich nicht viel kostet, das aber in den entwickelten Industriestaaten wegen gefährlicher Nebenwirkungen verboten ist - und dessen Wirksamkeit gegen die zunehmend resistenten Tubekulosebakterienstämme zumindest zweifelhaft ist.
 
Zumal Richner der WHO überdies zum Vorwurf macht, auch bei der Nicht-Verhinderung einer Welle von Dengue-Fieber sowie bei der Weiterverbreitung der Anfang der neunziger Jahre von Uno-Truppen eingeschleppten Aids- Seuche in Kambodscha eine ähnlich unrühmliche Rolle gespielt zu haben wie bei der Tuberkulose, hat sich in den letzten Monaten und Jahren seine Auseinandersetzung mit dieser Organisation immer mehr verschärft. Der Schweizer Arzt ist mittlerweile ob dieser Polemiken so verbittert, dass er im Dezember letzten Jahres beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag formell Klage gegen die WHO, das Uno-Kinderhilfswerk Unicef und andere dem Uno Konzept einer «speziellen Medizin für Arme in armen Ländern» anhängende Organisationen wegen «Verbrechen gegen die Menschheit» und «vorsätzlicher Verweigerung medizinischer Versorgung» sowie wegen «Verletzung der Rechte des Kindes» eingereicht hat. Die Klage ist durch detailliertes, im Spitalalltag der Richner-Kliniken angefallenes statistisches Material reich dokumentiert.
 
Glücklich ist Richner umgekehrt darüber, dass die Bereitschaft der Schweizer Bevölkerung bisher nicht nachgelassen hat, mit Privatspenden die Betriebs-, Unterhalts- und Behandlungskosten seiner Spitäler - mittlerweile mit einem Budget von zwölf Millionen Franken pro Jahr - zu finanzieren. Zudem steht Richner, der sich in seiner streitbaren Art in den Anfangsjahren schnell auch in zeitweise intensive Konflikte mit der Berner Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit verwickelt hatte, mittlerweile auch mit der offiziellen Eidgenossenschaft wieder auf gutem Fuss. Er hofft, dass der Bund sich in den dieses Jahr fälligen Verhandlungen dazu bereit erklären wird, die bisherigen Beiträge von jährlich eineinhalb Millionen Franken auf die drei Millionen aufzustocken, welche ihm, so meint Richner, der unterdessen verstorbene Bundesrat Delamuraz einst versprochen hatte.
 
© 2000, NZZ

Present with videos

History

Foundation

Academy

Concerts & Events

Publications

Info Material

Home

Donations - Spenden

Newsletter

contact: Email